Interview mit Peter Ohnemus, CEO QUENTIQ

Bedeutet die zunehmende Nutzung digitaler Geräte zum persönlichen Gesundheitsmanagement das Ende des solidarischen Gesundheitssystems? Peter Ohnemus, CEO eines heiß diskutierten Unternehmen im Gesundheitsmarkt, muss es wissen.

Kaum ein Thema im Zusammenhang mit Quantified Self hat für soviel Debatten gesorgt wie die Vermutung dass Krankenkassen gesündere Menschen zukünftig finanziell bevorteilen könnten. Das solche Veränderungen realistisch sind beweist das Schweizer Unternehmen Quentiq, welches mit seiner Gesundheitsplattform bei Krankenkassen gezielt für eine solche Strategie wirbt. Wie eine solche Veränderung im Gesundheitssystem aussehen könnte, habe ich Peter Ohnemus, CEO von QUENTIQ, auf dem ISPO Healthstyle gefragt.

Hallo Herr Ohnemus. Was bietet Ihr Unternehmen QUENTIQ seinen Kunden?

QUENTIQ hat den Health Score entwickelt, ein wissenschaftliches Verfahren mit welchem wir die Gesundheit eines Menschen beurteilen können. Dieser Health Score berücksichtigt die aktuelle gesundheitliche Verfassung eines Menschen aber auch wie er sich fühlt und wie er sich im Bezug auf seine Gesundheit verhält. QUENTIQ möchte mit dem Health Score einen weltweiten Standard schaffen der es ermöglicht, die gesundheitliche Verfassung von Menschen zu vergleichen. Damit möchten wir Menschen helfen, gesünder zu werden und die Gesellschaft vor einer Kostenexplosion durch zunehmende chronische Erkrankungen bewahren.

QUENTIQ möchte Menschen also zu einem gesünderen Lebensstil motivieren. Welche Mittel setzen Sie dazu ein?

QUETNIQ möchte Menschen motivieren gesünder zu leben und legt den Fokus auf Spaß und Freude. Meiner Meinung nach muss Gesundheit weg vom trockenen Image eines Krankenhauses und sollte stattdessen modern und cool sein. Deshalb haben wir spielerische Elemente in uneren Dienst integriert und unsere Nutzer könne sich mit ihren Freunden vergleichen. Außerdem möchten wir in Kooperation mit Krankenkassen mehr Anreize für einen gesunden Lebensstil schaffen. Ich bin der Meinung das Menschen, die aufgrund ihres gesunden Lebensstils weniger Kosten für die Gemeinschaft der Versicherten erzeugen, finanziell belohnt werden sollten. Deshalb möchten wir mit Verischerungs-Rabatten die an den Health Score gekoppelt sind, Menschen motivieren, gesünder zu leben.

Widersprechen diese Rabatte nicht dem Grundprinzip einer Versicherung?Weltweit gibt es viele unterschiedliche Gesundheitssysteme, z.b. Länder mit kostenloser Gesundheitsversorgung aber in den meisten Gesellschaften werden die Kosten des Gesundheitssystems von ihren Mitgliedern durch Versicherungen getragen. Das Prinzip der Versicherung bedeutet dabei jedoch nicht dass alle, insbesondere die bewusst eingegangenen Risiken, von allen Mitgliedern der Versicherung zu gleichen Teilen getragen werden müssen. Wenn Sie mit Ihrem Auto jede Woche gegen den Baum fahren steigt Ihre Police auch, obwohl sie gegen den Schaden versichert sind. Ähnlich wie beim Auto sollte auch bei der Krankenversicherung zukünftig mehr auf die Verantwortung des Einzelnen gesetzt werden, wodurch viele Menschen ihr Verhalten ändern würden.

Sollten sich die Krankenkassen auf Ihren Vorschlag einlassen, entstände durch die Aussicht auf Rabatte ein Anreiz, Ihre Produkte zu nutzen. Menschen die aus Bequemlichkeit, zum Schutz ihrer Privatsphäre oder aus anderen Gründen ihre gesundheitliche Verfassung nicht dokumentieren möchten, kämen dabei nicht in den Genuss der finanziellen Vorzüge. Wieviel Aufwand entsteht für die Eingabe der Daten, wie es für eine sinnvolle Bewertung des Gesundheitszustands notwendig ist und wie schützen Sie die Privatsphäre Ihrer Kunden?

Bereits mit der Eingabe von vier Werten können wir einen Health Score ermitteln. Alter, Geschlecht, Größe und Gewicht reichen für einen erste Abschätzung aus wobei durch die Eingabe weiterer Daten natürlich eine viel präzisere Einschätzung möglich ist. Durchschnittlich zehn bis fünfzehn Minuten pro Woche genügen, um regelmäßig sein Gewicht und einige weitere Werte zu dokumentieren, ein Aufwand der in Anbetracht gesundheitlicher und finanzieller Vorteile also durchaus gerechtfertigt ist. Zur Festsetzung von Rabatten planen wir Krankenkassen maximal ein bis zwei mal pro Jahr den aktuellen Wert des Health Scores zur Verfügung zu stellen, eine kontinuierliches Tracking oder der Einblick in weitere Werte ist dabei ausgeschlossen. Außerdem sehen wir großes Potential bei betrieblichen Krankenversicherungen bei welchen der Arbeitgeber einen Gesamttarif für seine Mitarbeiter aushandelt. Hier erhält die Krankenkasse nur den gemittelten Health Score über alle Arbeitnehmer zur Verfügung um ihr Versicherungsrisiko kalkulieren zu können, die Werte von einzelnen Personen werden in diesem Modell nicht übermittelt. Die Daten der QUENTIQ Nutzer liegen in einem Schweizer Rechenzentrum welches in einem ehemaligen Militärbunker sicher untergebracht ist. Auch für die Sicherheit unserer Software gelten selbstverständlich allerhöchste Standards.

Vergleich und Wettbewerb unter den QUENTIQ Nutzern scheint eine wichtige Rolle in ihrem System zu spielen. Gibt es keine andere Möglichkeit als das Wettbewerbs-Prinzip, um Menschen zu gesünderem Verhalten zu motivieren? Welche Konsequenzen hat dieses System für die weniger erfolgreichen Teilnehmer? 

Soziale Systeme entwickeln eine Dynamik, die sehr förderlich für das Erreichen eines Ziels sein kann. So wurden bei einem wissenschaftlichen Experiment Menschen, die eine Diät einhielten untersucht und dabei einer von zwei Versuchsgruppen zugeordnet. Versuchspersonen welche sich in ihrer Gruppe über ihre Erfolge ausgetauscht haben waren aufgrund ihrer sozialen Dynamik drei mal so effektiv beim Abnehmen wie die Personen in der Vergleichsgruppe, welche mit ihrem Ziel isoliert waren. Deshalb setzten wir bei QUENTIQ auf Austausch und Vergleich unter den Nutzern als Motivationseffekt. Typischerweise funktioniert der soziale Vergleich nicht für alle Menschen – wie bei allen anderen Programmen gibt es auch beim Health Score Personen, die die Nutzung verweigern oder bei denen die motivierende Wirkung weniger erfolgreich ist. Wenn wir mit diesem System aber nur 60 oder 70 Prozent zu mehr Gesundheit verhelfen, ist schon einiges erreicht.

Wie stellen Sie sich das ideale Gesundheitssystem vor?

Gesundheit beruht auf guter Ernährung, ausreichend Bewegung und genügend Erholung und Schlaf. Die wirtschaftlichen Schwächung der Konsumenten durch die Ölkrise und den Vietnamkrieg in den 70er Jahren hat die Ernährungsgewohnheiten massiv verschlechtert, wobei insbesondere billigeren Nahrungsmitteln, welche durch Zucker haltbar gemacht wurden, immer beliebter wurden. Mit der im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunkenen Bewegungsaktivität sind breite Bevölkerungsmassen übergewichtig geworden, wodurch Folgeerkrankungen wie z.B. Diabetes stark zunehmen. Was wir heute brauchen ist eine Rückbesinnung auf hochwertige Nahrungsmittel, die den Körper in seiner Gesundheit unterstützen. Zusammen mit ausreichend Bewegung lässt sich so die Übergewichtigkeit reduzieren wodurch zahlreiche Folgeerkrankungen vermieden werden. Dann erhalten wir ein Gesundheitssystem das nicht Schäden behebt sondern präventiv sicherstellt, dass Menschen gesund und zufrieden sind. Hierbei sehen ich einen Allgemein Trend zur Wellness, dem Verbraucher, Pharma- und Lebensmittelkonzerne folgen werden. Mit dem umfassenden medizinischen Wissen im Health Score und der Möglichkeit durch die Messung der eigenen Vitalitätswerte früh auf Störungen reagieren zu können, sehe ich QUENTIQ als Vorreiter hin zu einem neuen Verständnis von Gesundheit.

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