Quantified Self und Bewusstsein

"Self Knowledge through Numbers" ist das Motto der Quantified Self Bewegung. Was hat es mit diesem Wissen auf sich und welche kulturelle Bedeutung haben die neuen Informationsquellen?

Kürzlich war ich auf einer Podiumsdiskussion zum Thema “Gesundheit im Netz” auf den evangelischen Kirchentag eingeladen. Bei der Veranstaltung in Hamburg sprachen Experten über Informationsmöglichkeiten zu Gesundheit im Internet, die Chancen der Genomsequenzierung, den Einsatz von Sensoren zur Gesundheitförderung sowie zur Verbesserung der Sebstbestimmung älterer Menschen. Neben diesen technischen Themen standen bei der Podiumsdiskussion soziale Fragen zur Veränderung des Gesundheitssystems im Fokus. Als Evangelist der Quantified Self Bewegung in Deutschland wurde ich im werteorientierten Panel der Podiumsdiskussion zur Bedeutung von Bewertung und Wettbewerb im Kontext mit der Erfassung von Daten zu Gesundheit und Verhalten befragt. Angeregt durch die Einladung auf den Kirchentag habe ich mir Gedanken zur Rolle der Quantified Self Bewegung bei den zukünftigen Veränderungen im Gesundheitssystem gemacht. Unter QS verstehe ich eine Bewegung von Menschen, die sich für das Potential persönlicher Daten zu Gesundheit, Verhalten und Umwelt interessieren, um sich selbst besser kennenzulernen. Die Bewegungsaktivität, das Gewicht und die Ernährung werden aufgezeichnet, aber auch Informationen zur Stimmung, chronischen Erkrankung oder der finanziellen Situation erfasst. Ziel dieser Datensammlung ist in den meisten die Fällen die Generierung von Wissen, welches als Alternative zur Vermutung oder Unwissenheit helfen soll bessere Entscheidungen zu fällen. Dabei führt die Verfügbarkeit dieses Wissens zu einem Bewusstsein, das häufig auch eine Veränderung des Verhaltens hervorruft. Macht man sich die eigene Bewegungsaktivität im Alltag mit Hilfe von einem Schrittzähler bewusst, lebt man aktiver. Nach dem selben Prinzip wiegen Menschen, die sich regelmäßig auf die Waage stellen weniger als Menschen die sich nicht mit ihrem Gewicht auseinandersetzen. Bewusstsein beeinflusst unser Verhalten, weshalb sich viele Menschen selbst beobachten, um konkrete Ziele zu erreichen.

In den vergangenen Jahren habe ich mit verschiedensten Varianten des Self-Tracking experimentiert; mein Verhalten, meine Aktivität und meinen Schlaf beobachtet und analysiert, wie viel Zeit ich auf verschiedene Projekte und Ziele verwende. Dabei faszinieren mich die Fokussierung und Motivation die entstehen, wenn ich Sport und andere Aktivitäten mit einer App oder Tabelle dokumentiere, aber auch das Feedback technischer Hilfsmittel wie eines Schrittzählers, der mich beim Blick auf die Uhrzeit beiläufig mit dem Pensum meiner Bewegung konfrontiert. Welche Feedback-Mechanismen gibt es, wie viel Aufwand ist für welche Ziele gerechtfertigt und wie fühlt sich Coaching durch Apps und digitale Geräte an? Auch im Rahmen der Konzeption und Vermarktung neuer Lösungen, habe ich mich mit der Erfassung von Daten durch verschiedenste Sensoren bis hin zur automatisierten Auswertung des Nutzerverhalten durch Tracking der Aktivität auf seinem Computer oder durch Smart Home Anwendungen auseinandergesetzt. Dabei bin ich auf ein enormes Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten persönlicher Daten gestoßen, von der Aufbereitung von Informationen zur besseren Verständlichkeit eines Sachverhalts bis zum unmittelbaren Feedback durch mechanische Vibrationen am Körper, die auf eine schlechte Haltung hinweisen. Bei all diesen Ansätzen interessiert mich, wie Wissen generiert werden kann und welche Auswirkungen das daraus resultierende Bewusstsein auf menschliches Verhalten hat. Dabei sehe ich die durch neue technische Möglichkeiten ausgelöste Veränderung des Bewusstseins lediglich als Phänomen einer ständigen kulturellen Weiterentwicklung der Menschheit. Aber wie genau läuft diese Entwicklung ab? Soll die Verbreitung dieses Bewusstseins gefördert werden und falls ja, welche Instanzen sind dafür geeignet? Dürfen Arbeitgeber oder Versicherungen ihren Mitarbeiter und Kunden die Hilfsmittel zur Bewusstwerdung zur Verfügung stellen und ihnen nahe legen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen? Dürfen hierbei sogar Ziele vereinbart werden, sodass wer gesünder lebt oder vorsichtiger fährt, einen günstigeren Versicherungstarif erhält?

Ganz selbstverständlich lassen wir die Werbeindustrie unsere Aufmerksamkeit vereinnahmen und unsere Entscheidungen beeinflussen. Wenn technologischer Fortschritt neue Möglichkeiten schafft, Menschen zu informieren, wissen wir jedoch nicht damit umzugehen. Unsere Welt verändert sich mit jedem Tag schneller und nur wer informierte Entscheidungen fällt, kann die Zukunft aktiv mitgestalten. In den kommenden Jahren wird der Alltag vieler Menschen immer mehr mit Technologie erweitert und in manchen Bereichen werden Menschen durch Technologie ganz ersetzt. Das Resultat ist hoffentlich eine Welt wie sie mir Markus Schulz, CEO des Startup Changers als möglich beschrieben hat. Menschen die keiner Arbeit wie wir sie heute verstehen nachgehen, würden in dieser Welt nicht als arbeitslos gesehen, sondern als frei gefeiert und widmeten sich der Entfaltung ihres Bewusstseins. Auf dem Weg dahin wird sicher noch viel Effizienz gewonnen und der Umgang mit Ressourcen optimiert werden. Auf den Beitrag, den Quantified Self dazu leisten wird, freue ich mich.

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