Eine bessere digitale Zukunft mit dem Grundeinkommen

Quantified Self führt nicht zwangsläufig zu einem zunehmenden Leistungsdruck wie es von vielen Menschen befürchtet wird. Tatsächlich könnte die Vermessung des Menschen zu einer besseren Gesellschaft auf Basis eines neuen Wirtschaftssystem beitragen, welches demnächst von unseren Europäischen Nachbarländern erforscht werden soll.

Quantified Self oder Selbstvermessung wird in Deutschland häufig mit einer Selbstoptimierung gleichgesetzt und viele Menschen befürchten, zukünftig aufgrund der Messbarkeit ihrer Gesundheit, Leistung und ihres Verhaltens einem noch höherer Leistung- und Anpassungsdruck ausgesetzt zu sein. Auch die aktuell wieder auf einem Höhepunkt angelangte Wirtschaftskrise in Europa kann bei dem ein oder anderen negative Befürchtungen in die Zukunft hervorrufen. Tatsächlich gibt es jedoch auch viele Signale und Trends die eine andere Interpretation erlauben. Wenn bei mir persönlich Unmut darüber entsteht, dass nicht alles perfekt ist, finde ich es immer hilfreich mir klar zu machen, das früher auch nicht alles besser war. Bedenkt man, dass die Arbeiter während der Industrialisierung 60 Stunden harte Arbeit in der Woche verrichten mussten oder bis vor einigen Jahrzehnten Frauen nicht wählen durften und Homosexualität unter Strafe stand, wird offensichtlich, dass sich zumindest langfristig eine Menge verbessert hat. Auch aktuell gibt es positive Entwicklungen – kürzlich hat Amerika die Hochzeit von Homosexuellen legalisiert und in immer mehr amerikanischen Bundesstaaten wird der Konsum von Cannabis legalisiert. So sehr man sich über die Überwachung oder Umweltzerstörung der Amerikaner auch aufregen kann, scheinen sie doch auch eine Menge begriffen zu haben. Dennoch bleibt es eine legitime Frage ob die goldenen Zeiten der westlichen Ökonomien vorbei sind und jeder der nicht zu den reichsten der Gesellschaft gehört, zukünftig immer schlechter dastehen wird. Neben den Problemen Griechenlands gibt es aber auch positive Neuigkeiten aus der Wirtschaft, nämlich die beschlossenen Praxisexperimente zum Bedingungslosen Grundeinkommen in Finnland und Holland. Beide Länder wollen die gesellschaftlichen Auswirkungen des Konzepts erproben, Holland beschränkt sich dabei auf die Stadt Utrecht, während die Finnen ein Grundeinkommen für alle Einwohner im Koalitionsvertrag der Regierung vereinbart haben. Wie die beiden Länder diese Beschlüsse konkret umsetzen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Eine gute theoretische Erörterung der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens findet sich im Buch „Einkommen für Alle“ von Götz Werner, dem Gründer der Drogeriekette DM.

Einkommen für alle

Beim Bedingungslosen Grundeinkommen geht es darum, dass jeder Bürger ein Einkommen erhält, das ihm seinen Lebensunterhalt und idealerweise auch seine Bildung und Weiterentwicklung ermöglicht. Anders als bei bisherigen Wohlfahrtssystemem gibt es bei einem solchen Grundeinkommen keine Stigmatisierung und Gängelung von Menschen, welche deren Entwicklung häufig negativ beeinflusst. Vielmehr geht es darum, dass jeder Mensch die Freiheit bekommt zu entscheiden, wie er sich am Besten für die Gemeinschaft einbringen kann und Unternehmen nicht länger die Macht haben, Menschen zu schlechter Arbeit zu zwingen. Dies gäbe Menschen auch die Wahlfreiheit, Unternehmen mit sinnlosen oder gar menschenfeindlichen Unternehmenszielen nicht länger zu unterstützen und dadurch als Form direkter Demokratie die Entwicklung der Gesellschaft durch Einbringung oder Verweigerung ihrer Schaffenskraft, mitzugestalten. Da die Existenz der Menschen durch das Grundeinkommen gesichert ist, würde menschliche Arbeit auch wieder billiger. Die durch Automatisierung und Effektivitätssteigerung in der Arbeitswelt immer öfter unnötig werdenden Menschen, würden so nicht arbeitslos sondern könnten den Tätigkeiten nachgehen, für die sie als Mensch am besten geeignet sind – in sozialen Berufen, Lehre, Pflege und Gesundheitsfürsorge aber auch durch Einsatz ihrer Kreativität. Wichtig in einer solchen Gesellschaft ist, dass Menschen ihre Talente entdecken und entwickeln, um ihre individuellen Wege zu finden, wie sie zum Gemeinwohl aller Menschen beitragen können. Quantified Self unterstützt diese Entwicklung, in dem es Menschen hilft, mehr über sich selbst zu erfahren und ihre Stärken zu entwickeln. Das Resultat wäre eine glücklichere Gesellschaft, wie sich auch aus den Studien über den Zusammenhang zwischen persönlichem Glück und verfügbaren finanziellen Ressourcen ableiten lässt. Diese legen nahe, dass das wahrgenommen Glück eines Menschen unabhängig von einem hohen Einkommen ist, Armut jedoch zu einer Einschränkung des Wohlbefindens führt, weshalb bei Menschen mit einem Einkommen unter einer gewissen Schwelle durch die Vermeidung ihrer Not eine Steigerung ihres Glücks möglich ist. Über dieser Schwelle gibt es keinen Zusammenhang von Einkommen und Glück, eine Optimierung des gesellschaftlichen Wohlbefindens ist daher nur durch die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten möglich.

Dass eine solche Entwicklung eintritt ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn in einer Wissensgesellschaft entstehen neue Möglichkeiten, die Entwicklung der Gesellschaft zu steuern. Die aktuelle Diskussion um Selbstoptimierung basiert auf der Annahme, dass alle Optimierungsmaßnahmen die Steigerung der Wirtschaftsleistung zum Ziel haben. Dieses Paradigma verliert jedoch umso mehr seine Gültigkeit, umso besser wir in der Lage sind mit komplexen Informationen umzugehen. Das berühmte Zitat von Peter Drucker „What gets measured gets managed“ bedeutet im Umkehrschluss auch häufig dass Eigenschaften die nicht gemessen werden, keine Optimierung erfahren. Dieser Kritik müssen sich auch Quantified Self-Lösungen stellen, welche sich häufig auf Metriken wie gelaufene Schritte, Gewicht oder Kalorien beschränken. Die Menge der getanzten Tangos, Mitmenschen denen wir mit einem Lächeln begegnen oder eben die Momente erlebten Glücks werden jedoch nicht gemessen und könnten, bei einer reinen Fixierung auf das Messbare, nicht die angemessene Priorität erhalten. Ein bewusster Umgang mit Self-Tracking-Lösungen und deren Grenzen und die Verbesserung der Messtechnologien dürften hier jedoch als adäquate Lösung für eine wünschenswerte Bandbreite an Lebenszielen ausreichen. Ähnlichen Probleme sieht sich auch die Politik ausgesetzt, welche als einige der wichtigsten Stellgrößen die Wirtschaftsleistung, Arbeitslosenquote und andere ihr verfügbaren Kenngrößen heranzieht. Viel weniger weiß die Politik heute allerdings über das Wohlergehen ihrer Bürger und deren Wünsche. Die Wahl einer Partei im Abstand von vier Jahren ist hier eine viel zu schwache und oberflächliche Feedbackschleife, um sich ernsthaft an den Interessen der Bürger auszurichten. Durch Quantified Self-Technologien entsteht zukünftig immer mehr Wissen über das Glück und viele anderen Eigenschaften von Menschen durch Analyse der Daten aller Nutzer von Diensten bei einer gleichzeitig möglichen Wahrung der Privatsphäre des Einzelnen. Auch wenn diese Entwicklung noch am Anfang steht, spielen die aus den persönlichen Daten von Nutzern gewonnen Erkenntnisse eine immer größere Rolle in Wissenschaft und Forschung und ein Transfer in die Politik ist denkbar und wünschenswert. Schafft es eine Regierung zukünftig neben der Wirtschaftsleistung und anderen abstrakten Kenngrößen auch vermehrt Bürgernahe Faktoren in eine komplexe Zieloptimierung aufzunehmen, entsteht eine smarte Regierung welche die Chancen des digitalen Zeitalters für ihre Bürger zu nutzen weiß.

Auch von Seiten der Bürger könnte zukünftig eine immer stärkere Tendenz zugunsten einer sozialeren Gesellschaft eintreten. Quantified Self-Lösungen helfen bereits heute vielen Menschen, ein gesünderes Leben zu führen, die entsprechenden Verbesserungen der Lebensqualität resultieren in einer positiveren Lebenseinstellung. In der nächsten Welle kommt die Digitalisierung auch vermehrt Patienten zu Gute, welche mit Hilfe von Self-Tracking-Lösungen einen besseren Krankheitsverlauf erzielen können. Auch die Gesundheitswirtschaft selbst macht immer mehr Nutzen von digitalen Tools und kann  so einige ihrer größten Probleme in den Griff bekommen. Zum Beispiel sterben heute noch ca. 50 tsd. Menschen an den Wechselwirkungen unterschiedlicher Medikamente weil die behandelnden Ärzte keinen umfassenden Überblick über die Behandlung von Patienten haben. Eine digitale Patientenakte oder ein digitaler Medikationsplan wie er im Rahmen des EHealth Gesetzes beschlossen werden soll, könnten dies verhindern. Die Digitalisierung erzeugt damit sowohl beim Einzelnen wie auch bei den Akteuren der Gesundheitswirtschaft ein enormes Potential, insbesondere auch durch Nutzung von Synergien zwischen beiden Seiten. Sollte es uns hierdurch gelingen die zunehme Verbreitung chronischer Krankheiten nicht nur aufzuhalten sondern sogar für eine bessere Gesundheit und mehr Lebensqualität in der Gesellschaft zu sorgen, würde ein Teil der Stressfaktoren im Leben der Bürger abnehmen, und eine Zunahme an Glück wäre die Folge. Zufriedenere Menschen haben wiederum weniger Druck ihr Leid durch Konsum oder anderes Selbst- und Gesellschafts-schädigendes Verhalten zu kompensieren und verfügen über mehr Ressourcen um ihren Mitmenschen frei von Neid und mit Toleranz zu begegnen. Hierdurch werden die Vorraussetzungen für ein bedingungsloses Grundeinkommens und der Wertschätzung des individuelle Beitrags der eigenen Mitmenschen zum Gemeinwohl geschaffen. Vielleicht ist es daher auch mehr als nur ein Zufall, dass Holland und Finland, die aktuellen Pioniere beim Grundeinkommen auch bei der Adaption digitaler Lösungen zur Gesundheitsfürsorge führend sind.

Um in Deutschland eine positivere Zukunft zu realisieren sollten sich Datenschützer, Sozialkritiker und die Befürworter digitaler Lösungen zur Verbesserung der individuellen menschlichen  Lebensqualität nicht gegenseitig behindern, sondern gemeinsam eine Reform für eine bessere Zukunft herbeiführen. In einer Gesellschaft mit einem Grundeinkommen bedeutet Selbstoptimierung die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit welche frei von Druck und im eigenen Tempo erfolgen kann. Dementsprechend liegt die Lösung zur Vermeidung eines zunehmenden Leistungsdrucks nicht in der Verhinderung von technischen Fortschritts und der Einschränkung der Möglichkeiten zur Verbesserung der Gesundheit und Lebensqualität von Menschen, sondern in einem Paradigmenwechsel des Wirtschaftssystems, welcher positive Anreize und Rahmenbedingungen schafft. In einer Umfrage in Finnland haben sich übrigens fast 80% der Bevölkerung für die Einführung des Grundeinkommens ausgesprochen. Damit eine solche Entwicklung auch in Deutschland möglich wird, ist es wichtig, besser über die Modelle und Annahmen des bedingungslosen Grundeinkommen informiert zu sein. Götz Werner’s Buch „Einkommen für Alle“ ist hierfür sehr gut geeignet und wie ich selbst kürzlich feststellen konnte, eine ideale Lektüre für den Sommerurlaub.

Thematisch passend möchte ich auch auf den Künstler „Romano“ hinweisen, welcher unter seinem Alter Ego „Siriusmo“ dem ein oder anderen als begnadeter Produzent elektronischer Musik bekannt sein dürfte. Unter dem Künstlernamen Romano veröffentlicht der Berliner Hip Hop mit elektronischen Beats der Extraklasse. Das Video zu seinem aktuellen Song „Brenn die Bank ab“ zeigt eine sehr spitz pointierte Darstellung der Probleme unserer Gesellschaft und schlägt eine eher unkonventionelle Lösung vor. Eine großartige Nummer.

One Comment

  1. Thomas

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    Ich glaube schon, dass das bedingungslose Grundeinkommen aktuell hier bei uns gar nicht umsetzbar wäre, allerdings würde dies vielen Menschen endlich wieder mehr Lebensqualität bieten. Allein aus diesem Grund sollte weiter darüber nachgedacht werden, ob und wie eine solche Umsetzung tatsächlich möglich wäre.

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