Versicherungen und Self-Tracking

Das Versicherungsunternehmen Generali möchte seinen Kunden Boni auf Basis von deren Gesundheitsdaten gewähren. Ist das unfair und das Ende der Privatsphäre oder möglicherweise sogar sinnvoll?

Die Versicherung Generali möchte Boni auf Basis von Gesundheitsdaten gewähren

Gesundheit liegt im Trend und nimmt bei vielen Menschen einen immer höheren Stellenwert ein. Bionahrung, Fitnessstudios und Gesundheits-Apps boomen und insbesondere die digitale Gesundheitsbranche verzeichnet außerordentliche Wachstumsraten. Dabei ist es heutzutage gar nicht so einfach gesund zu leben. Der technologische Fortschritt hat unser Leben in vielen Bereichen einfacher gemacht, führt aber auch dazu, dass wir die Bedürfnisse unseres Körpers oft vernachlässigen. Dank motorisierten Verkehrsmitteln und Büroarbeitsplätzen verkümmern bei vielen Menschen Muskeln und Herz und auch die nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimierte Nahrungsmittelproduktion, liefert vielen Menschen nicht mehr die notwendigen Nährstoffe für eine lang anhaltende Gesundheit. Glücklicherweise sind die Zusammenhänge zwischen Bewegungsmangel, schlechter Ernährung und gesundheitlichen Auswirkungen bekannt, sodass immer mehr Menschen bewusste, nachhaltige Entscheidungen treffen um sich möglichst lange einer hohen Gesundheit und Lebensqualität zu erfreuen. Diese Lernfähigkeit ist eine der erstaunlichsten Eigenschaften des Menschen und für die enorme kulturelle Entwicklung in unserer Geschichte verantwortlich.

Als besonders effektive Hilfsmittel für Lern- und Veränderungsprozesse haben sich Technologien und Methoden zur Bewusstmachung individueller Eigenschaften und der Beobachtung von Trends in der eigenen Entwicklung erwiesen. Deshalb sind unter den Schlagworten Self-Tracking und Quantified Self in den letzten Jahren zahlreiche Lösungen zur Vermessung von Aktivität, Schlaf, Gewicht, Blutdruck und vielen anderen Bereichen erschienen die sich einer rasch wachsenden Popularität erfreuen. Studien zu Folge können diese Technologien Menschen zu einer Änderung ihres Verhaltens motivieren. So sind Menschen die sich mit Hilfe eines Schrittzählers ihr eigenes Bewegungsverhalten bewusst machen im Durchschnitt 40% aktiver und das Unternehmen Withings hat aus den Daten seiner Nutzen feststellen können, dass Menschen ihr Gewicht umso erfolgreicher kontrollieren können, umso häufiger sie sich auf die Waage stellen.

Das Versicherungsunternehmen Generali hat nun angekündigt, dass es Kunden die mit Hilfe einer App regelmäßig ihren einen gesundheitsbewussten Lebensstil nachweisen mit Bonusleistungen wie Gutscheinen fürs Kino oder Fitnessstudio belohnen möchte. Diese Ankündigung wurde in den Deutschen Medien sehr kritisch aufgenommen. Sorgen um mögliche Risiken bei der Verwendung der Daten durch das Unternehmen und die Ausweitung des Programms, welche eine Benachteiligung weniger gesund lebender Menschen zur Folge haben könnte, führten zu Aufrufen den Ansatz zu boykottieren und ließen manche Redakteure das Ende der solidarischen Gesellschaft heraufbeschwören. Durch meine langjährige Auseinandersetzung mit Self-Tracking und die Einblicke in das Gesundheitswesen als Digital Health Consultant bei der Münchner Beratung iic-solutions, entstand bei mir der Eindruck, dass die vorherrschende Meinung einseitig ist und wichtige Aspekte außen vor lässt.

Auch wenn entscheidende Details zum neuen Modell der Generali noch nicht bekannt sind, wäre es durchaus denkbar dass der Ansatz der Versicherung nicht unsolidarisch sondern sogar im Interesse der Versichertengemeinschaft ist und vielen Menschen zu einem gesünderen und glücklicheren Leben verhelfen kann. Denn die Voraussetzung für die Übermittlung von Daten über den eigenen Lebensstil ist, dass diese erfasst werden, was zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheit führt und durch diese Bewusstmachung gesundheitsförderlichen Entscheidungen unterstützen dürfte. Die durch Verbesserung der Gesundheit entstehenden Einsparungen für die Versicherung könnten möglicherweise ausreichen, um die finanziellen Interessen des Unternehmens zu befriedigen und die Rabatte für die Mitglieder zu finanzieren ohne deren Kosten unsolidarisch auf weniger gesunde Mitglieder abwälzen zu müssen. Unter dieser Annahme wäre das Programm ein echter Vorteil für alle Parteien, niemand würde benachteiligt aber Menschen die sich mit dem Ansatz anfreunden können, würden möglicherweise von einer besseren Gesundheit, zumindest aber einem günstigen Kino-Abend profitieren.

Manche Kritiker sind jedoch der Meinung dass sich eine Versicherung neutral verhalten solle, und keine Aktivitäten zur Beeinflussung des Lebensstils ihrer Mitglieder unternehmen solle. Ich frage mich jedoch ob diese Einstellung sinnvoll ist oder es nicht zielführender wäre seine Versicherung als Unterstützer bei der Erhaltung der eigenen Gesundheit anzusehen. Schließlich sind sie doch eine der wenigen Instanzen die unser Interesse möglichst lange gesund zu bleiben teilen. Andere Unternehmen wie Nahrungsmittelkonzerne und Fast Food Ketten ziehen es doch vielmehr vor an unsere Verführbarkeit zu appellieren und uns durch Werbung zu Entscheidungen zu beeinflussen, die nicht im Einklang mit unseren langfristigen Zielen stehen. Ist es nicht ein wenig merkwürdig das sich niemand über die Plakate, Fernsehwerbungen und Banner-Ads beschwert, die versuchen unsere Entscheidungen zu beeinflussen und der Versuch einer Versicherung Menschen für die Auseinandersetzung mit sich selbst zu belohnen mit großer Skepsis begegnet wird? In Anbetracht der vielen Herausforderungen des modernen Lebensstils an unsere Gesundheit erscheint es mir deshalb sinnvoller, die Synergien zwischen uns und unseren Versicherungen bei dem Wunsch gesund zu sein, auszunützen.

Noch kritischer als die Einmischung wurden die Risiken im Zusammenhang mit den zur Versicherung übertragenen Daten eingeschätzt. Befürchtet wird dass über die Gewährung der eigentlichen Rabatte hinaus, die Daten auch für andere Zwecke genutzt werden könnten. Nutzern könnten dadurch im Verhältnis zu den Vergünstigungen weitaus größere Nachteile entstehen. Deshalb sollte eine Versicherung generell über keine Daten zum Lebensstil ihrer Versicherten verfügen lautet die Empfehlung von Datenschützern. Unbeantwortet bleibt dabei, ob diese Risiken bei Einhaltung klarer Richtlinien kontrollierbar sind und ob nicht auch großes Potential in der Bereitstellung von Lebensstil-Daten liegt. Die Aufgabe der Versicherung besteht schließlich darin die Beiträge ihrer Mitglieder so zur Finanzierung medizinischer Leistungen einzusetzen dass ein größtmöglicher Nutzen für die Gemeinschaft der Versicherten entsteht. Deshalb werden Therapien deren Wirksamkeit durch Studien belegt ist finanziert, wohingegen für Ansätze mit unbewiesenem Nutzen keine Mittel bereitgestellt werden. Und selbst bei den anerkannten Heilmethoden gibt es keine vollständige Wirksamkeit, zum Beispiel sind viele Menschen gegen manche Medikamente resistent und könnten mit Therapien die auf ihre individuellen Voraussetzungen angepasst sind weitaus besser behandelt werden. Die Abrechnungsdaten welche Versicherungen über ihre Mitglieder besitzen stellen in Kombination mit den Daten der Mitglieder über ihren Lebensstil eine wertvolle Quelle für neue Erkenntnisse zur Verbesserung der medizinischen Betreuung dar. Diese könnten von Versicherungen genutzt werden, um die Entscheidungen über die Genehmigung oder Ablehnung einer Therapie zukünftig noch zielgerichteter und im Interesse der Versichertengemeinschaft zu fällen. Vermutlich könnte eine solche Verbesserung der medizinischen Versorgung auch durch andere Instanzen ermöglicht werden, was jedoch erfordert dass die Lebensstil-Daten mit den Versicherungsdaten von einer dritten Partei zusammengeführt werden, wodurch ebenso Fragen nach dem Schutz der Interessen der Versicherten aufgeworfen werden. Entsprechend stehen wir hier vor einer grundsätzlichen Frage, ob das Potential von Big Data für die Verbesserung der medizinischen Versorgung genutzt wird, oder aus Datenschutzgründen darauf verzichtet werden soll.

Bis zur Markteinführung des neuen Programms der Generali werden noch einige Monate vergehen und in Anbetracht der skeptischen Deutschen Kunden dürfte sich das Unternehmen alle Mühe geben, wichtige Fragen zur konkreten Ausgestaltung und zur geplanten Verwendung der Daten zu beantworten. Bis dahin wird die öffentliche Diskussion neben den Risiken auch hoffentlich auf die Chancen digitaler Innovationen im Versicherungsmarkt eingehen und konstruktive Ansätze aufzeigen wie wir das Potential von digitalen Gesundheitslösungen sinnvoll nutzen können. Ich für meinen Teil halte nichts vom Feindbild und wünsche mir meine Versicherung vielmehr als Verbündeten und hoffe dass wir es schaffen das Potential der vielen kleinen Datensätze für eine bessere Gesundheit zu entfalten. Ein lesenswerter Artikel mit viel Hintergrundinformationen zur Ankündigung ist übrigens hier erschienen.

One Comment

  1. Wilfried

    Reply

    Sich selbst zu beobachten ist das eine. Einen Versicherungstarif daran zu binden ist etwas komplett anderes. Neben dem Problem der Aushebelung des Prinzips von Versicherungen … wo soll das enden? Nicht zu wenig Bewegung ist der Anfang. Gesundheitsschädlich sind aber auch Alkohol, zu wenig Schlaf, zu viel Arbeit, keine Arbeit, falsches Essen, zu viel essen oder zu wenig, Ski fahren, Marathon laufen, rauchen … und und und. Soll das auch alles kontrolliert werden? Ich trete sofort der Partei „Recht auf ungesundes Leben“ bei. Appellieren Motivieren ist ok. Kontrollieren nicht.

Kommentar verfassen