Die Quantified Self Konferenz 2012

Zahlreiche Self-Tracker, Wissenschaftler und Entwickler trafen sich im September 2012 in Palo Alto zur Quantified Self Konferenz. Die zweitägige Veranstaltung bot eine enorme Vielfalt an Wissen und Erfahrungsaustausch.

Vom 15. bis zum 16. September 2012 fand die Quantified Self Konferenz in Palo Alto statt. Im Alumni Center der Stanford University versammelten sich 600 Self-Tracker, Wissenschaftler, Unternehmer und Journalisten zum Erfahrungsaustausch und Networking. Bereits 2 Tage zuvor trafen sich mehr als 40 Organisatoren aus Städten wie New York, London, Amsterdam und Singapur um die Entwicklung der von ihnen geleiteten Quantified Self Gruppen zu besprechen und sich Tips für den Aufbau der Community zu geben. Insbesondere für das europäische Quantified Self Netzwerk war dies eine gute Gelegenheit sich näher kennenzulernen und Ideen zur gegenseitigen Unterstützung auszuarbeiten.

Gary Wolf und Maarten den Braber
Gary Wolf (QS Labs), ich und Maarten den Braber (QS Amsterdam) v.l.n.r. (cc by rajiv zumi)

Die eigentliche Konferenz begann am 15. September mit einer Keynote von Gary Wolf, dem Gründer von Quantified Self. Gemeinsam mit einer Reihe weiterer Sprecher gab er einen Überblick über den Ursprung der Bewegung und die Bedeutung der Show & Tells als zentrales Element der Quantified Self Meetups. In diesen kurzen Präsentationen geben die Vortragenden einen Einblick in ihre Self-Tracking Pojekte und vermitteln dadurch, was sie über sich selbst gelernt haben. Von der Unterhaltsamkeit des Formats konnten sich die Besucher im Laufe der Konferenz am Beispiel von 26 Beiträgen überzeugen. Im weiteren Verlauf der Keynote unterstrich Davis Masten das Potential der zunehmenden Verbreitung von Sensortechnologien für Forschung und Wissenschaft. So werde die Anzahl der in Smartphones verbauten Sensoren nach Masten innerhalb der nächsten Jahre von durchschnittlich fünf auf fünfzehn ansteigen was eine enorme Quelle für Daten darstelle. Auch die Anzahl der in Städten installierten Sensoren zur Messung des Verkehrs, der Luftqualität und vielen anderen Parametern werde bis 2020 um das 20-fache zunehmen. Die mit diesen Technologien von Regierungen, Gemeinden, Unternehmen aber auch Privatpersonen erzeugten Daten ermöglichen den Einsatz in Forschung und Entwicklung auf einer völlig neuen Detaillierungsebene.

Gary Wolf Präsentation
Gary Wolf bei der Keynote (cc by chloester)

Nach dieser Keynote wurde das Programm der Konferenz eröffnet. In insgesamt sechs Blöcken hatten die Besucher die Möglichkeit aus mehren parallel stattfinden Beiträgen zu wählen, wodurch sich in Summe mehr als 200 Präsentationen und Workshops ergaben. Diese Vielzahl an Angeboten aber auch die zahlreichen Pausen ermöglichten einen umfassenden Informationsaustausch unter den Teilnehmern. Unter den Präsentationen und Workshops die ich besuchte, beeindruckte mich besonders der Workshop Habit Design von Michael Kim. In diesem ergründete der Leiter der San Franciscoer Habit Design Meetups die notwendigen Elemente um Produkte und Dienste zu entwickeln, die Menschen beim Aneignen positiver Gewohnheiten unterstützen. Kim zeigte dass Quantified Self und Gamification alleine meist nicht ausreichen, um nachhaltige Veränderungen zu erzielen sondern viele weitere Umstände im Alltag des Anwenders eine entscheidende Rolle spielen. Insbesondere verdeutlichte er die Bedeutung von auslösenden Faktoren wie Erinnerungen, um neue Verhaltensweisen regelmäßig zu praktizieren. In diesem Vortrag habe ich soviel gelernt dass ich in einem folgenden Artikel weitere Einblicke in das Thema geben möchte.

Konferenzraum in der Stanford University
Konferenzraum im Alumni Center der Stanford University (cc by chloester)

Eines der Highlights unter den zahlreichen Programmpunkten war sicherlich der Erfahrungsgereicht des Unternehmers und Biohackers Dave Asprey, der Selbstexperimente zu seiner Sexualität durchgeführt hatte. So war es ihm durch diverse Übungen gelungen, einen zwanzig Minuten andauernden Orgasmus zu erleben. (Allen Interessierten sei an dieser Stelle verraten, dass Asprey von der Nachahmung dringend abrät). Auch der Vortrag des ehemaligen Wrestlers Calvin Buhler über die gezielte Veränderung seines Körperbaus sorgte für Unterhaltung. Buhler beschrieb, dass er nach Beendigung seiner Wrestler-Karriere allmählich so stark an Muskelmasse verlor, dass er nur noch die Hälfte seines früheren Körpervolumens besaß. Mit einem speziellen Fitness und Ernährungsprogramm baute er schließlich 40 Pfund Muskelmasse in 40 Wochen auf und präsentierte dem Publikum den Verlauf der Veränderung seines Körperbaus in Abhängigkeit von den zu sich genommenen Nährstoffen. Im Alumni Center der Stanford University stellten sich dem Publikum auch die angesagtesten Unternehmen aus der Quantified Self Szene wie Bodymedia, Zeo und 23andme und auch zahlreiche Startups wie Lift, Scanadu, Tictrac und Wikilife vor. Hierdurch wurde ein guter Überblick über Trends vermittelt und der direkte Kontakt mit den Gründern und Entwicklern der Anbieter ermöglicht.

Gruppenbild
Die Organisatoren der weltweiten Quantified Self Gruppen (cc by rajiv zume)

Ein weiteres Highlight der Konferenz war die Schlussrede von Kevin Kelly, Co-Founder von Quantified Self. In dieser sprach er über die Entwicklung des Selbsts und über die Bedeutung von Daten. Kulturgeschichtlich sei das Selbst eine relativ junge Entwicklung wobei der Sinn für die Individualität bei unseren historischen Vorfahren für die längste Zeit nicht entwickelt war. Die aktuelle technologische Entwicklung in der Sensortechnologie führe nach Kelly zu einer Erweiterung des Selbst auf Basis von Informationen die wir der Welt in der wir leben, einer Datensphäre, entnehmen können. Das Potential von Quantified Self und der Erfassung von Daten liege daher weniger in Zahlen und Graphen sondern in der Erweiterung unserer Sinne was uns die Wahrnehmung von Dingen ermöglicht, die uns bisher verborgen waren. Im zweiten Teil seiner Rede sprach Kelly über Daten, Ihren Wert und wie mit ihnen umgegangen werden sollte. In dieser Darstellung sprach er sich für einen offenen Umgang mit Daten aus, welche in ihrer rohen Form vergleichbar mit den Buchstaben des Alphabets als Grundlage dienen, um größere Konstrukte mit tiefgreifender Bedeutung zu erzeugen. Erst durch die gegenseitige Vernetzung von Daten und der Anreicherung ihres Kontexts würden aus nackten Daten wertvolle Information erzeugt. Rohdaten sollen so Kelly nicht als Besitz von Unternehmen und Institutionen betrachtet sondern dritten Parteien zugänglich gemacht werden, um das ihnen innewohnende Potential zur Veredlung verfügbar zu machen. Diese philosophische und visionäre Betrachtung von Quantified Self und dem Potential persönlicher Daten war ein gelungener Abschluss und regte viele Teilnehmer auch nach dem offiziellen Ende der Konferenz zu weiterer Diskussion an welche schon bald eine Fortsetzung finden dürfte. Die nächste Quantified Self Konferenz findet im Mai 2013 in Amsterdam statt.

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